Ein Paradigmenwechsel Teil II

Text: Jörn Selling/ www.firmm.org                                             

Viele sind zu der Einsicht gelangt, dass es globale Veränderungen geben muss; das Gespür, dass Großes im Gang ist, bewegt viele Menschen. Mitunter blockiert es aber unser Denken. Ein Jahrmillionen alter Reflex übernimmt dann das Steuer: Flucht. Doch anstatt irrationalen Impulsen nachzugehen, mit dumpfen Parolen gute alte Zeiten zu beschwören, partikuläre Werte und Kulturgüter hochzuhalten und sich gegen alles Fremde abzuschotten, sollten wir erkennen: Nur im globalen Zusammenspiel, mit Hilfe des geistigen und ethischen Potenzials aller Menschen auf diesem Planeten werden wir die Herausforderungen meistern. Um die Veränderungen einzuleiten, braucht es zuallererst persönliche Veränderungen. Wir müssen erkennen, wie unsere alltäglichen Handlungen den Rest unseres Planeten beeinflussen, und diese möglichen Folgen in unsere Entscheidungen mit einbeziehen. Wir müssen die Einstellung ablegen, dass wir Menschen im Zentrum des Universums stehen und alles nur existiert, um uns zu kleiden, zu ernähren, zu unterhalten und zu vergnügen. Und das muss im Herzen und Bewusstsein jedes Einzelnen von uns geschehen.

Es sieht so aus, als ob sich unser großes Experiment einem Höhepunkt nähert. Wir können nicht länger einer Lebensweise frönen, die den hedonistischen Wünschen einer menschlichen Bevölkerung dient, die davon überzeugt ist, dass der gesamte Planet zu ihrem Vergnügen existiert.

Wir wären nicht die erste biologische Katastrophe, die das Leben auf der Erde heimsucht.

Als vor hunderten Millionen Jahren die Photosynthese auf dem Plan erschien, starben wegen des produzierten Sauerstoffs etliche bis dahin dominierende anaerobe Bakterien aus.

Wir würden auch nicht das erste Massensterben auslösen, davon hat es schon mindestens 5 gegeben.

Das größte Massensterben vor 250 Millionen Jahren war dem Vulkanismus im heutigen Sibirien geschuldet und löschte 95 Prozent der Arten aus, die Versteinerungen hinterlassen haben. Es entwich so viel CO2 in die Atmosphäre, dass das Klima der Erde kippte und die Temperaturen in den Tropen auf 50-60 °C anstiegen – zu heiß für komplexes Leben, welches in der Äquatorialregion Millionen Jahre für einen Neubeginn brauchte. An der Meeresoberfläche war es noch 40°C warm, das im Meer gelöste CO2 wurde zu Kohlensäure und erschwerte es Schalentieren, ihre Kalkgehäuse aufzubauen. Zugleich sank der Sauerstoffgehalt im Meereswasser. Beides zusammen führte zu Algen- und Bakterienblüten, die Schwefelwasserstoffe produzierten. Schließlich kollabierten die Nahrungsnetze und die meisten Arten starben aus. Die toten Zonen hatten 5 Millionen Jahre Bestand. Die Tropen waren feucht, doch es gab nur Farne und kleine Büsche, so dass nur die Polargebiete größeren Tieren einen Schutzraum boten. Das Artensterben begann 2.100-18.000 Jahre nach dem drastischen Anstieg der CO2-Emissionen.

Die Emissionsrate am Ende des Perm ist mit der heutigen anthropogenen vergleichbar, die Gesamtmenge CO2 lag damals allerdings klar über der heutigen. Bis zu Beginn der Industrialisierung, etwa im Jahr 1750, ist die CO2-Konzentration mindestens 800.000 Jahre unter 280 ppm geblieben, heißt es in einem WMO-Bericht (Weltorganisation für Meteorologie). Sie liegt jetzt bei 403,3 Teilchen pro Million Teilchen (ppm). Nach Analysen von Fossilien schätzen Forscher, dass es eine so hohe CO2-Konzentration wie heute zuletzt vor drei bis fünf Millionen Jahren gab. Dabei sei es zwei bis drei Grad wärmer gewesen. Das Eis in Grönland und der West-Antarktis sei geschmolzen und der Meeresspiegel lag 10 bis 20 Meter höher.

Foto: Verschmutzter Strand in Accra (Ghana, 2017)

Sinken die Emissionen nicht bald drastisch, könnte sich die damalige Überhitzung unseres Planeten zumindest in Teilen wiederholen. Auf jeden Fall würden Wetterextreme immer wahrscheinlicher und wenn sie häufig genug auftreten, kann man von einer Klimaveränderung sprechen. Bei ungebremstem CO2-Ausstoß könnten die Sommertemperaturen am Persischen Golf in Verbindung mit der Luftfeuchtigkeit bis Ende dieses Jahrhunderts regelmäßig für Menschen unerträglich hohe Werte erreichen. Bis dahin könnte auch Südasien teilweise unbewohnbar sein und falls die globalen Temperaturen um 4°C steigen, wäre die Landwirtschaft in der südlichen Hälfte Spaniens nicht mehr möglich. Die Kontrolle über unsere CO2-Emissionen ist also unerlässlich und sollte auch als Chance betrachtet werden. Sie könnte es der Menschheit ermöglichen, das Klima des Planeten zu stabilisieren, und wäre somit eine sanfte Form von Geoengineering.

Das starke Bevölkerungswachstum in vielen Teilen der Welt und der sich daraus ergebende steigende Bedarf an Landwirtschaftsflächen drängt frei lebende Tiere und Pflanzen immer weiter zurück. Steigender Fleischkonsum und der dadurch wachsende Flächenverbrauch für Weiden und Futtermittel tut sein Übriges, um die Lebensräume unserer Mitgeschöpfe dramatisch schrumpfen zu lassen.

Dies wird ernsthafte ökologische, ökonomische und soziale Konsequenzen haben. Immer mehr Wissenschaftler warnen vor der Brisanz der Situation, sie kommt einem Angriff auf die Grundlagen der menschlichen Zivilisation gleich. Künftige Generationen erben einen deutlich unwirtlicheren Planeten. Der Menschheit, mahnt zum Beispiel der Zoologe Gerardo Ceballos aus Mexico, bleibe nicht mehr viel Zeit, um das Desaster abzuwenden. Letztes Jahr wurde eine zweite Warnung von einer Gruppe der „Alliance of World Scientists (AWS)” an die Menschheit herausgegeben (Ripple_et_al._9-20-17_Scientists_Warning_to_humanity; https://doi.org/10.1093/biosci/bix125). Auf der Seite „scientists.forestry.oregonstate.edu“ können sich weitere Wissenschaftler nachträglich anschließen. Zum 13. November 2017 hatten 15.364 Forscher aus 184 Ländern unterschrieben. Die erste Warnung vor 25 Jahren (1992) war von mehr als 1.500 Wissenschaftlern unterschrieben worden, darunter die Mehrheit der damaligen Nobelpreisträger. Seitdem hat die Menschheit dabei versagt, die vorhergesagten Umweltprobleme zu lösen – die meisten haben in ihrem Umfang sogar zugenommen.

Wir wären auch nicht die erste Art, die ausstirbt, aber nach derzeitigem Kenntnisstand die erste, die es bei vollem Bewusstsein tut!

Nachdem nun geklärt wäre, wo wir zurzeit als Zivilisation stehen, kommen wir zu den Dingen, die jede Person tun kann.

Statt einer Liste von Ratschlägen verweisen wir lieber auf Spiegel Online: einfach in die Suchmaske (auf das Lupensymbol klicken) „Nachhaltigkeit im Alltag“ eingeben.

Es sind die vielen kleinen Entscheidungen von Millionen Menschen, die den Unterschied machen könnten. Es geht um die Frage, wie es gelingen kann, Konsum und Nachhaltigkeit wirklich in Einklang zu bringen. Dabei gibt es vier Bereiche, die der Umwelt am meisten zu schaffen machen: Energie, Nahrung, Müll und Überbevölkerung.

Energie zu sparen ist absolut unerlässlich, um Zeit zu gewinnen, bis die Wissenschaft nachhaltige Lösungen gefunden hat (Kernfusion wäre zum Beispiel eine gute Option). Das fängt bei den LED-Leuchten an, geht mit allen Entscheidungen über Auto und Heizung weiter und endet nicht zuletzt mit der Wahl, ob eine Flugreise statt einer Zugreise unternommen wird. Mit der Flugreise macht man seine gesamte CO2-Bilanz für das laufende Jahr kaputt, während der Zug das umweltverträglichste Transportmittel ist. Etwas Selbstverständliches und deshalb Verdrängtes: Unser Leben ist aus dem Tod von anderen gemacht! Unsere Ernährung über Landwirtschaft, Viehzucht, Fischerei und leider immer noch Jagd, ist der Hauptgrund für den Artenschwund. Allein die Einschränkung des Fleischkonsums kann eine große Erleichterung für die Ökosysteme sein und Arten retten. Es geht hier nicht um totalen Verzicht, aber um bewusste Ernährung. Es gibt gleichwertige pflanzliche Eiweißquellen! In Süßigkeiten ist oft Palmöl – ein Produkt, für das den Orang-Utans ihre Wälder in Asien weggenommen werden (YouTube: in die Suchmaske „R4zzbwM07bw“ eingeben). In der Milchindustrie werden neugeborene männliche Kälber sofort geschlachtet. In der Eierindustrie werden männliche Küken geschreddert. Die Liste ließe sich lange weiterführen …

Das Müllproblem ist mittlerweile gewaltig. Bis zum Jahr 2050 wird sich die Menge an Plastikmüll vermutlich auf etwa zwölf Milliarden Tonnen aufsummiert haben, so viel würden 114 Millionen Blauwale wiegen. 80 Prozent davon landen in Deponien und Umwelt. Hier geht es vor allem um Müllvermeidung, das wäre der Abschnitt der Müllkette, den jede Person beeinflussen kann.

Familienplanung, ein Tabuthema vor allem für erzkonservative und religiöse Teile unserer Gesellschaft. Eine Gruppe von nordamerikanischen Forschern hat berechnet, dass die effektivste Maßnahme zum Einsparen von CO2 der Verzicht auf ein Kind ist, denn man muss den CO2-Ausstoß der fünf nachfolgenden Generationen mitberücksichtigen. Auch hier geht es nicht um absoluten Verzicht, sondern eher darum, ob das dritte oder weitere Kind unbedingt sein muss. Den Luxus, darüber mitentscheiden zu dürfen, haben nicht alle Frauen auf diesem Planeten; viele müssen sich den Wünschen von Ehemann und Gesellschaft fügen.

Zum Thema Klimaerwärmung gibt es eine hervorragende Dokumentation im Netz. Einfach Folgendes in die Suchmaske von Youtube eingeben:

„The age of stupid“ für die englische Version, „The age of stupid“ – warum tun wir nichts? für Deutschsprachige „La era de la estupidez“ für Spanisch.

Die Anthropologin Margaret Mead sagt: «Wir sollten niemals an der Fähigkeit einer Gruppe von engagierten und beharrlichen Bürgern zweifeln, die Welt zu verändern». Wir wünschen allen viel Erfolg in dem Bemühen, ihr Sandkorn beizutragen. Sonst könnte ein Sattelitentrümmerhaufen, der um den Planeten Erde seine Bahnen zieht, bald das Einzige sein, was an die Menschheit erinnert.

Quellen: Artikel – Stephen Jay Gould: „A Change of Heart”- Foto Strand in Accra (Ghana, 2017) und Karikatur „Meilenstein“ – SPIEGEL ONLINE

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