Kommentar April 2019-Konflikt

Am Meer wird der Konflikt zwischen Mensch und Natur besonders deutlich. An den Küstenregionen leben 90 Prozent der bekannten Meeresarten, sie sind die Kinderstube der Artenvielfalt unserer Ozeane. Korallenriffe, Seegraswiesen, Mangrovenwälder, Flussmündungen und das Wattenmeer sind artenreiche und wertvolle Lebensräume. Den Mensch zieht es ans Meer. Ungefähr die Hälfte der Weltbevölkerung lebt an der Küstenregion und zwölf von 16 Städten mit mehr als zehn Millionen Einwohnern liegen am Meer. Die Besiedlung und Ausbeutung der Küsten bringt auch deren Zerstörung mit sich, ein bislang trotz vieler Modelle nachhaltiger Innovationen und neuer Schutzgebiete ungebremster Prozess. Die Bebauung der Küsten schwächt den natürlichen Hochwasserschutz, den z. B. Korallenriffe, Überflutungsflächen, breite Strände oder Mangroven bieten.

Der Bauboom an der Küste geht nach wie vor zu oft auf Kosten der Natur: Mangrovenwälder und Seegraswiesen werden zerstört, um offene Strände zu schaffen. Sportboothäfen und andere Freizeiteinrichtungen werden auch in unmittelbarer Nähe von Korallenriffen gebaut. Rund 80 Prozent des weltweiten Tourismus spielen sich in Küstenregionen ab. Die Reisebranche gehört zu den größten und am schnellsten wachsenden Wirtschaftszweigen der Welt. Der weltweite Tourismus hat in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen. Im Jahr 2017 wurden nach Angaben der Welttourismusorganisation über 1,3 Milliarden weltweite grenzüberschreitende Reiseankünfte gezählt. Die Einnahmen aus diesem Milliardengeschäft bleiben jedoch häufig nicht in den betroffenen Regionen. Zwei Drittel der Gelder aus dem Mittelmeer-Tourismus gehen an ca. zehn Reiseveranstalter in Nordeuropa. Das Mittelmeer ist ein Zentrum des weltweiten Tourismus. Fast 360 Millionen Touristen bereisen Jahr für Jahr die Mittelmeerregion, ca. 210 Millionen davon besuchen die Strände. Der Massentourismus bedeutet für Natur und Umwelt häufig negative Auswirkungen: Er trägt zum notorischen Wassermangel ebenso bei wie zur Verschmutzung des Meeres und zur Gefährdung der Artenvielfalt. Infolge der starken Nutzung der Küsten sind die früher einmal weit verbreiteten Seegraswiesen gefährdet, entlang der dicht bewohnten Nordwestküste des Mittelmeers sind sie nahezu verschwunden. Auf der griechischen Insel Zakynthos sind die Niststrände der vom Aussterben gefährdeten Unechten Karettschildkröten durch das rücksichtslose Verhalten von Gastronomen und Touristen bedroht. Gleichzeitig werden Umweltprobleme von den Reisenden zunehmend wahrgenommen und beeinflussen die Entscheidung für ein Urlaubsziel in hohem Maße. Auf der anderen Seite sind eben diese intakte Natur und Umwelt, die schönen Landschaften, die die Attraktivität vieler Urlaubsgebiete ausmachen, gerade durch touristische Aktivitäten zunehmend bedroht: immer neue Hotels und Restaurants werden in die Landschaft gebaut, abgelegene Gebiete werden mit Straßen und Wegen erschlossen, Umweltbelastungen die durch den Autoverkehr in diesen Regionen entstehen sind noch nicht abzusehen. Bei den großen Tourismusorten am Mittelmeer ist die Grenze schon jetzt für jeden sichtbar, von der einst schönen Landschaft ist nur noch ein Panorama mit Bettenburgen übrig geblieben.

Der an der Küste lebenden Mittelmeer-Mönchsrobbe hat der Mensch den Lebensraum und die Nahrungsquelle Fisch geraubt. Sie ist mit nur noch 500 verstreut lebenden Exemplaren eines der seltensten Säugetiere des Planeten. Trotz Wirtschaftskrise und Klimawandel wird der Ausbau des Tourismus – wenn auch mit weniger starken Zuwächsen – weiter gehen. Wenn es nicht gelingt, bereits in den Planungsprozessen touristischer Projekte nachhaltige Aspekte zu berücksichtigen, werden unsere Meere und Küsten nicht nur ihre Attraktivität als Urlaubsregionen verlieren. Unberührte Natur, abwechslungsreiche Landschaften und regionale Besonderheiten gehören dann der Vergangenheit an.

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