Kommentar November – Die Scheinheiligen

Es überrascht mich immer wieder, wie unbedarft, erschrocken und scheinheilig Politiker aller Länder mit Problemen umgehen, die unser aller Wohl angehen und so tun, als hätten sie noch nie etwas davon gehört. Das Thema Plastik und Mikroplastik habe ich schon mehrfach in „Spanien aktuell“ aufgenommen. Nun hat das Thema auch die breite Öffentlichkeit, Politik und Konzerne erreicht. Nun müssen Politik und Konzerne Stellung nehmen. Einige Konzerne haben in diesem Monat verlauten lassen, dass sie baldmöglichst mehr auf „Recycling-Pet-Flaschen, Umverpackungen“ umsteigen wollen oder auf Plastik verzichten wollen. Grundsätzlich gibt es daran nichts auszusetzen, wenn es denn ehrlich gemeint ist und nicht nur dazu dient, beim Endverbraucher besser und umweltbewusster zu erscheinen, denn solche Aussagen sind billiger als teure Werbekampagnen für ihre Produkte. Auch dass sich Politiker dieses Thema nun verstärkt auf die Fahne schreiben und überrascht und besorgt sind, scheint mir aus den gleichen Gründen stattzufinden wie bei Konzernen und Industrie: „man möchte gut dastehen“. Durch das Internet und die Medien ist es nun auch bis zum Bürger durchgesickert, dass Plastik überall auf unserer Welt die Oberhand gewinnt und den ganzen Planeten verdreckt. Neu ist das doch alles nicht; Regierungen wurden schon vor Jahren von Wissenschaftlern davor gewarnt, dass sich z.B. Mikroplastik in Kosmetik-Produkten, Zahncremen, Haar-Gelen und durch das Zerreiben von großem Plastikmüll zu Mikroplastik im Meer eher ungünstig auf die Umwelt und die Gesundheit des Menschen auswirken könnten. Der Industrie wurde daraufhin angeraten, auf freiwilliger Basis auf Mikroplastik in ihren Produkten  zu verzichten (die wenigsten haben das gemacht). „Ja, ja freiwillig“… Bloß nicht die Industrie und die Plastiklobby verärgern, denn die drohen dann schnell mit Werksschließung und Arbeitnehmer-Abbau und produzieren dann in Asien. Asien ist im Übrigen zu ca. 70 Prozent für die Verschmutzung der Weltmeere durch Plastik verantwortlich. Bleiben wir beim Mikroplastik. Gesundes Meersalz für Speisen war gestern. Haben Sie gewusst, dass Sie im gesunden Meersalz Mikroplastik vorfinden und dieses mit Ihrer Nahrung aufnehmen? In Mineralwasser, Krabben, Muscheln und vielen weiteren Lebensmitteln wurde Mikroplastik nachgewiesen. Selbst im Stuhlgang von Menschen wurde Mikroplastik gefunden. Es wird an vielen Stellen gesagt: „wir wissen nicht, ob und wieweit das für den Menschen schädlich ist“. Ja, aber warum wissen Industrie, Behörden und Gesundheitsministerien das nicht? Ganz einfach: es wurde in der Vergangenheit kein Geld dafür zur Verfügung gestellt, um es herauszufinden. Nicht von den Regierungen und auch nicht von der Industrie, aus Angst vor negativen Ergebnissen. Immer fein nach dem Motto: solange es keiner weiß, ist es besser den Mund zu halten. Wie finden Sie das lieber Leser, dass Sie Microplastik täglich zu sich nehmen, ohne es zu wissen?

Gibt es denn Alternativen zum herkömmlichen Plastik von denen z.B.  die Politiker der EU und die Industrie nichts wissen? Doch, die gibt es und das nicht erst seit gestern, was die ganze Sache aus meiner Sicht noch verwerflicher macht. Aus dem Jahr 2010 der *„EU-Kommission-Öko Innovation“: Das deutsche Unternehmen Tecnaro hat ein leicht formbares, biologisch abbaubares organisches Polymer mit der Bezeichnung Arboform entwickelt, das dieselben Eigenschaften wie Holz besitzt und dennoch wie ein Kunststoff verarbeitet werden kann.

Jürgen Pfitzer und Helmut Nägele erhielten für die Entwicklung des innovativen „flüssigen Holzes“ Arboform den europäischen Erfinderpreis 2010 in der Kategorie „KMU/Forschung“. Das Polymer basiert auf Lignin, das aus Holz gewonnen wird, und besteht zu 100 % aus nachwachsenden Rohstoffen. Auf der Suche nach alternativen Werkstoffen stießen die Entwickler von Arboform auf Lignin – den festen Holzbestandteil, der bei der Zellstoff- und Papierherstellung als Abfall anfällt. Allein die Papierindustrie produziert jedes Jahr 50 bis 60 Millionen Tonnen Lignin. Das Konzept wurde am Fraunhofer Institut für chemische Technologie entwickelt; 1998 gründeten Pfitzer und Nägele das Spin-off-Unternehmen Tecnaro, um ihre Erfindung zu vermarkten.

Oder wie wäre es damit: (Diese Innovation ist aus dem Jahr 2016) Zuckerrohr als Alternative zu Polyethylen aus Erdöl: Für Etiketten gibt es eine umweltfreundliche Alternative. Avery Dennison stellte eine biobasierte PE-Folie (Polyethylen) vor, die aus Zuckerrohr-Ethanol hergestellt wird. Die physikalischen und mechanischen Eigenschaften des innovativen Materials gleichen jenen des herkömmlichen Polyethylens aus Erdöl. Verarbeitet und recycelt wird die Folie wie eine konventionelle PE-Folie. Die Umstellungskosten der Verpackungs- und Etikettierungsprozesse sind infolgedessen minimal. Es wird eine weiße und eine transparente Variante angeboten, um zum Beispiel im Lebensmittel-, Getränke-, Haushalts- oder Kosmetikbereich zu etikettieren oder zu verpacken. Es gibt noch viele Alternativen zum herkömmlichen Plastik die nicht genutzt werden und das seit Jahren!!

Leider reicht der Platz auf dieser Seite nicht aus, um alle Alternativen  aufzuzählen. Es scheint, aber offensichtlich auch egal zu sein, was es für Alternativen gibt oder nicht gibt. Was offensichtlich zählt ist Profit, Profit und nochmals Profit, denn dieser wird anscheinend über unser aller Gesundheit und unser aller Umwelt gestellt oder nicht?!

* https://ec.europa.eu/environment/ecoap/about-eco-innovation/good-practices/germany/517_de

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